Thekla & Oma Ruth: „Respekt, Liebe und Dankbarkeit haben nichts mit Ansprüchen zu tun”

Ich komme aus einer Familie – oder besser gesagt, ich bin zusammengesetzt aus zwei Familien, deren Oberhäupter die Frauen sind, waren und bleiben werden. Die Mütter meiner Eltern, meine Großmütter, haben Feminismus gelebt, weit bevor wir den Begriff in Podcasts diskutierten. Väterlicherseits habe ich leider nicht mehr viel Familie, um meine Mutter herum spinnt sich aber ein kompliziertes Netz aus Brüdern, der Mutter – meiner Oma, die im Mai 90 Jahre alt wurde und ihrem Lebensgefährten, und uns – den Enkeln und unseren Kindern. Dreh und Angelpunkt ist das Elternhaus meiner Mutter, der Ort an dem meine Oma die vier Jungs und ein Mädchen großzog. Sie kochte in der Schule und zu Hause.

Mein Opa starb vor meiner Geburt und meine Oma zog, ein Stück durch den Wald in ihr neues Leben, mit ihrem jetzigen Lebensgefährten. Unweit von diesen beiden Häusern und dem Waldstück ist der Bahnhof, seit einigen Jahren im Besitz meines Onkels. Es ist ein Dreieck im freien Land, geometrisch, aber in sich nicht logisch, immer, wenn ich darauf schaue, sehe ich nur Irrungen, Wirrungen. Unweit der Geburtsstadt Fontanes wohnt nun also noch ein Großteil der Familie – zusammen und doch oft allein. Der Respekt vor meiner Oma ist immens, auch wenn die Zeit voran ging, blieb er hoch.

Wie ein Denkmal wirkt sie oft – und so wird sie auch behandelt. Als könne sie nicht mit der Zeit gehen, als wollte man nicht, dass sie weiterhin mit der Zeit geht. Vielleicht, weil die Endlichkeit in Sicht scheint. Jeder möchte es ihr Recht machen – und jeder weiß, wie sie es eigentlich machen würde. Oder gesagt hätte.

Was Oma gesagt hat, war Gesetz. Denn sie hat es ja immer gemacht. Sie war immer der Boss.

Aber jetzt ist sie es nicht mehr – sie wird schwächer. Sie ist jetzt eine alte Dame, eine sehr lustige alte Dame, die Scherze über die Lieben der Enkel macht – und deren größtes Glück die (auch daraus entstandenen) Ur-Enkel sind. Und mit diesen möchte sie eigentlich nur Zeit verbringen. Doch es scheut sie häufig, die Angst vor Überanstrengung, die Sorge, nicht zu réussieren. Ich wünschte mir häufig, wir könnten es alles leichter nehmen. Es ihr leichter machen. Uns allen. Die (falschen) Ansprüche bei Seite schieben. Denn Respekt, Liebe, und Dankbarkeit haben nichts mit Ansprüchen zu tun – sondern mit der Zeit, die wir gemeinsam verbringen.

Ich bin mir sicher, wenn man sein Leben lang stark war, dann ist man froh, wenn man sich irgendwann einfach zurücklehnen darf. Und die Früchte nicht mehr ernten und einkochen muss. Sondern einfach sein darf.

Wenn ich sie das nächste Mal sehe, werde ich sie fragen, ob dem wirklich so ist. Denn, da beginnt es schon wieder – auch ich möchte nichts über ihren Kopf hinweg behaupten.
Denn ihr Kopf, das war und bleibt unser Oberhaupt.

  • Diese OMAge stammt von Thekla Wilkening. Sie hat mit 25 ihr erstes eigenes Unternehmen, die Kleiderei, gegründet und setzt nachhaltige Konzepte im Mode-Bereich um und berät Unternehmen. Für Thekla gehören Nachhaltigkeit, Umsichtigkeit und Verantwortung zusammen.