Stephanie & Oma Barbara: „Sie ist die Person, mit der ich mitunter am liebsten telefoniere & am herzlichsten lache”

Meine Omi ist jetzt 86 Jahre jung. Ja genau, jung und nicht alt. Denn wenn man Barbara, kurz Bärbel oder Wetti, zuhört, wie sie über Menschen gleichen Alters spricht, dann hört sich das so an, als würde sie da keineswegs dazugehören. Sie lebt 630 km entfernt in meiner Heimatstadt in der Nähe von Stuttgart. Ich in Berlin. 20 Jahre bin ich ums Eck von ihr groß geworden. Immer stand ihre Türe offen. Die Türe in ein Zuhause voller Liebe, gutem Essen und jeder Menge Raum für Blödsinn. Seit ich vor zwölf Jahren wegzog, telefonieren wir nun einmal pro Woche an einem festen Tag. Früher am Sonntag. Seit einem Jahr ist es der Montag. Mal rufe ich an, mal die Omi. Mal sprechen wir nur zehn Minuten, mal zwei Stunden. Daran hat sich auch nach über zwölf Jahren nichts geändert. Die Hauptsache ist, dass wir erfahren, wie es der anderen geht und was in ihrem Leben so passiert. Auf meine Nachfrage hin bekomme ich meist die Antwort eines überzeugten „gut“. Selten beklagt sie sich, ist zufrieden. Und in ihrem Leben passiert zum Glück auch noch einiges.

Seit 26 Jahren lebt sie alleine, doch hat sie noch einige ihrer Lieben direkt um sich. Die Tochter und der Schwiegersohn sind im selben Haus, ein Enkelkind, Freundinnen, Schwager und Schwägerinnen in der selben Stadt. Auch wenn die Aktivitäten weniger werden, so genießt sie es, wenn was los ist, Besuch kommt oder sie mit ihren Frauen ausgeht.  Letzteres passiert niemals ohne Lippenstift.

Gepflegt aufzutreten ist ihr nicht nur wichtig, sondern bereitet ihr auch große Freude. Das gilt nicht nur für sie, sondern auch für ihre Umgebung. Ihr Zuhause ist daher stets hübsch hergerichtet und dekoriert.

Seit neuestem nennt sie einen Rollator ihren treuen Gefährten und auch dieser ist selbstverständlich nur das das stylischste Modell und in Kupfer gehalten. Wenn schon, denn schon. Ihre Freundinnen necken sie oft liebevoll, dass sie schon seit je her die Schönste sein wollte. Ich bin froh über das soziale Netzwerk, welches sie unmittelbar um sich hat und versuche, sie aus der Ferne so gut es geht zu unterstützen und Zeit mit ihr zu verbringen. Je älter sie wird, desto wichtiger ist mir das. Oft hören wir uns daher mittlerweile auch einige Mal mehr in der Woche. Sie ist froh, dass es das Telefon gibt und ich bin es auch. Sie ist die Person, mit der ich mitunter am liebsten telefoniere und am herzlichsten lache. Wenn ich anderen von ihren Sprüchen und Geschichten erzähle, leuchten meine Augen und mir wird immer wieder bewusst, wie glücklich ich mich schätzen kann, sie noch an meiner Seite zu haben, mich mit ihr austauschen zu können, über die Vergangenheit und über das Jetzt.

Erst neulich haben wir uns über Geburten unterhalten. Sie hat etwas erzählt und ich habe stutzig nachgefragt: „Und wo war der Opi?“ Da ließ sie mich wissen, dass es früher unüblich war, Männer bei der Geburt an der Seite zu haben. Aus meiner heutigen Perspektive bin ich ganz selbstverständlich davon ausgegangen, dass mein Opi bei den Geburten dabei war.

Es ist ein Beispiel von vielen, welches zeigt, dass es sich lohnt genau zuzuhören und nachzufragen, um wertvolles Wissen aufzufangen, welches es ohne sie nicht mehr geben wird.

In diesem Zuge hat sie mir dann auch erzählt, dass sie für die ersten vier Geburten im Krankenhaus war, bei der fünften Geburt dann aber beschlossen habe, dass sie das nun könne und dafür nicht mehr ins Krankenhaus müsse. Mann und Kinder sind zu meiner Uroma und sie hat ihren Sohn, mit Hilfe von Arzt und Hebamme zuhause im Wohnzimmer auf die Welt gebracht.

Über die Jahre durfte ich feststellen, dass je älter ich wurde und je näher ich mir selbst gekommen bin, desto näher sind wir uns nochmals gekommen und desto offener wurde unsere Kommunikation. Ich habe gelernt, einfach zu fragen, egal um welches Thema es geht. Und ich habe das große Glück, dass sie bereit ist, über jedes Thema zu sprechen. Nichts wird ausgeklammert. Auch schmerzhafte Themen dürfen besprochen werden. Ich empfinde das als ein großes Geschenk. Wir weinen dann manchmal und lachen wieder. Doch nicht nur ich ziehe wahnsinnig viel aus unseren Gesprächen, auch für sie ist es immer eine große Freude „ihr Madl“ zu hören. Sie fühlt sich gesehen, hat Spaß einfach aus dem Alltag zu erzählen, erfreut sich an meinem Interesse an ihr, ihrer Geschichte und daran, ihre Erfahrungen weiter geben zu können. Und Erfahrungen hat sie viele gesammelt. Einige davon möchte ich teilen. Denn wenn mich was beeindruckt, dann ist es ihr Umgang mit ihren Schicksalsschlägen und welch lebensfroher Mensch sie trotz allem oder gerade deswegen  ist.

Nur kurze Zeit nachdem sie ihre Heimat in Jugoslawien 1955 verlassen musste, hat sie festgestellt, dass sie schwanger ist. Den Vater ihres Sohnes, den sie geliebt hat, musste sie zurücklassen und konnte ihm nur telefonisch mitteilen, dass sie ein gemeinsames Kind erwarten. Ihren Sohn hat sie die ersten Jahre mit der Unterstützung ihrer Eltern an ihrem jetzigen Wohnort alleine groß gezogen.  Eine schwere Entscheidung, wie sie sagt, denn hätte sie ihrem Herzen folgen können, so wäre sie zurückgegangen. Doch wusste sie nicht, was ihr dann widerfahren wäre und so blieb sie. Ein Glück hat sie nur wenige Jahre später meinen Opi kennengelernt und mit ihm und den vier weiteren gemeinsamen Kinder unsere Familie gegründet. Gearbeitet hat sie trotzdem immer. Zum einen war es ihr wichtig weiter auf eigenen Beine zu stehen. Zum anderen haben sie als Familie das Geld benötigt. Und so sind meine Omi und mein Opi beide arbeiten gegangen. Sie haben unterschiedlich geschichtet, wodurch sich immer einer um die Kinder und den Haushalt kümmern konnte.

Leider hat sie viel zu früh zwei Kinder und meinen Opa verloren. Nachdem plötzlichen Tod ihres damals 25-jährigen Sohnes ist sie gemeinsam mit meinem Opi in Kur und Therapie gegangen. Sie sagt, ohne diesen Schritt weiß sie nicht, ob sie es gemeinsam durch diese Zeit geschafft hätten.
Vielleicht eine Erfahrung die dazu beiträgt, dass sie auch heute stets dafür plädiert, sich professionelle Hilfe zu suchen, wenn man selbst nicht weiterkommt. Als mein Opi dann wenige Jahre später verstarb, ist sie der Einladung ihres Cousins nach Amerika gefolgt, um etwas Ruhe und Abstand finden zu können. Und so hat sie mit 61 Jahren das erste Mal ein Flugzeug betreten und drei Monate in Amerika verbracht. Die Frage ob sie englisch konnte, verneint sie: „Aber immerhin habe ich hochdeutsch gesprochen und nicht schwäbisch, so dass andere wenigstens den Hauch einer Chance hatten, mich zu verstehen.“ Scheinbar hat es funktioniert und sie hat es gut über den großen Teich geschafft. Nach einiger Zeit vor Ort habe sie dann etwas englisch verstanden und kann auch heute noch einige Worte. Ob ihr die Zeit gut getan hat, habe ich sie gefragt und sie sagt Ja. Es habe gut getan rauszukommen, auch wenn daheim dann doch alles wieder auf sie gewartet habe. Zehn Jahren nach diesen Todesfällen hat sie aktiv beschlossen, jetzt sei gut. Sie müsse loslassen. Sie erzählt: „Natürlich denke ich an sie und weine auch immer wieder. Aber es musste einfach weiter nach vorne gehen.“

Eine weitere ganz besondere Reise hat sie dann 2016 unternommen. Mit 82 Jahren ist sie alleine zu mir nach Berlin gekommen. Sie hat es sehr genossen zu sehen, dass ich es schön habe und Neukölln doch nicht so gefährlich zu sein scheint, wie im Fernseher berichtet wird. Und auch ich habe es sehr genossen, ihr diese Einblicke in mein Leben geben zu können. Mit ihr bin ich in dieselben Cafés oder Restaurants gegangen, in die ich auch sonst gehe. Das gute Brot des hippen Großstadtbäckers hätte sie am liebsten aus dem Restaurant mitgenommen und wahrscheinlich hätten sie ihr auch noch die letzten Scheiben gegeben. Denn wenn sie was kann, dann ist es offen auf Menschen zuzugehen.  Auch als ich sie am Flughafen nach dem Check-in in der Schlange zurücklasse, kann ich das beruhigt tun, denn schon hat sie mit den Leuten um sich herum angebändelt. Sie macht es jedem leicht, sich in ihrer Gegenwart wohl zu fühlen und ist nie um einen Spruch verlegen. Auch dann nicht, wenn sie wie neulich erst zur Untersuchung ihres Herzens im Krankenhaus liegt. Manchmal überrascht sie sich dabei sogar noch selbst. Und so verabschiedet sie sich vom Arzt wie folgt: „Schön, jetzt bin ich wieder überholt. Ich hab ’ne neue TÜV Plakette und bin jetzt kein alter Volkswagen mehr, sondern ein nigelnagelneuer Mercedes.“ Als sie das erzählt lacht sie und sagt: „Ha, wie schnell mir sowas dann aber auch einfällt. Ganz verkalkt bin ich noch nicht.“ Und sie fügt hinzu: „Steffi, also das könnt ich wirklich nicht. Einfach so dasitzen und mit niemandem reden. Auch wenn es nicht immer einfach ist, ohne Humor wird’s auch nicht besser.“

In diesem Sinne hoffe ich mit dem TÜV und guten Genen ausgestattet auf noch viele weitere Jahre des frohen Austausches mit ihr.

Ich werde jede gemeinsame Minute weiterhin ganz bewusst und fest in mein Herz aufnehmen und bin unfassbar dankbar und in tiefem Vertrauen, dass ihre Liebe, ihr Lachen und ihre positive Energie immer ein Teil von mir sein werden.

Auch dann, wenn wir irgendwann mal nicht mehr miteinander telefonieren können. Und das macht mich sehr, sehr glücklich. Omi — ich liebe dich und erhebe ein Glas Ramazzotti auf dich! (Den mag sie nämlich sehr.)

  •  Diese OMAge stammt von Stephanie Brenner, die gebürtige Schwäbin ist  Designerin und Yin-Yoga-Lehrerein in Berlin.