Sarah & Oma Margit: „Das Leben ist schön, von einfach war nie die Rede“

Mit meiner Omi ist das Leben leicht: Es gibt Sekt zum Frühstück, Kaffee bis zum Herzflattern, Erdbeereisbecher oder ‚Man gönnt sich ja sonst nix‘, Geschichten aus den goldenen 70ern und Heimatgefühl.

Am Silvesterabend des letzten Jahres sitzen wir in tiefen Sesseln vor einer 70er Chart Show, dessen Lieder durch die riesigen Kopfhörer in die Erinnerungen meiner Oma dringen. Süßer Wein zu meiner Linken, süßer Pfannkuchen zu meiner Rechten – ich nicke mit vollem Mund zu den ausschweifenden Erzählungen aus ihren schönsten Jahren. Damals war sie in ihren 30ern, genau wie ich jetzt. Wenn ich die Augen schließe, kriecht die Erzählstimme meiner Oma gemeinsam mit Vicky Leandros in mein Ohr. Dort tanzen sie die ganze Nacht unter schwankenden Kronleuchtern, mit Schaumwein und natürlich: meinem Opa.

Ab und zu vermischt sich dieses Bild mit meinem eigenen. Viele sagen, ich sähe meiner Omi sehr ähnlich. Das ist eines der schönsten Komplimente für mich.

Sie ist fast 80 und strahlt in ihrem stets durchdachten Auftreten durch den Raum. Sie ist unaufdringlich adrett und ich stelle mir vor, dass es genau dieses Wort war, mit dem man sie schon immer beschrieb: adrett.

Ihre Hintergründe liegen in einer Zeit, in der diese Äußerlichkeiten unweigerlich mit der konservativen Rolle der Frau in der Gesellschaft verbunden waren. Uns prägen unterschiedliche Epochen. In ihrer kamen keine Löcher in den Hosen, ungebügelten Hemden oder Tattoos vor. Stattdessen sieht man an mir eher keine hohe Schuhe, Röcke oder Fönwellen.

Sie heiratete mit 18, wurde Mutter mit 24, Oma mit 46. Den Aufgaben im Haushalt widmete sie sich gern neben ihrer Arbeit. Jeden Tag kümmerte sie sich um Frühstück, Mittag, Abendessen und den Abwasch. Die Männer gingen Fußball oder Skat spielen. Sie lacht, wenn sie sagt: „Dein Opa wäre über den Müll eher noch gestolpert.“ Dass ich diese klassische Verteilung nicht anstrebe, keine Kinder und vor allem nicht jeden Tag für jemanden kochen möchte, akzeptiert sie als Teil meiner Realität. Unsere sichtbaren Kontraste verbinden sich auf der Ebene der Zugewandtheit.

Für sich selbst betreibt sie nicht mehr so einen Aufwand beim Gerichte zaubern. Hier reicht manchmal auch eine Bockwurst oder ein Kaffee. Nur, wenn ich da bin, gibt es einen Kühlschrank voller veganer Sachen, die sie gern zusammen mit mir probieren möchte. In ihrer Warmherzigkeit fühle ich mich Zuhause. Bei ihr bin ich nur dann erwachsen, wenn ich das Internet besser zu bedienen weiß, um ihr neue Bücher zu bestellen. Wälzer aus dem viktorianischen Zeitalter lassen sie davon träumen, wie es ist, selbst in einem Schloss zu leben und Tag für Tag aufwendig verzierte Kleider zu tragen. Das Geschriebene übt auf uns beide eine Faszination aus, für mich sind es vornehmlich Klassiker von Hermann Hesse oder Silvia Plath.

 

Am Abend des 02. Juli diesen Jahres sitzen wir in tiefen Kissen auf der Veranda eines Bücherhotels, dessen Scheune über 100.000 Titel beherbergt. Erdbeereisbecher zu meiner Linken, Kaffeetasse zu meiner Rechten – ich lausche mit vollem Mund den Worten über meine schwangere Schwester. Wenn ich die Augen schließe, kriecht die warme Luft gemeinsam mit meiner ältesten Erinnerung in meine Gedanken: Ich stapfe als kleines Mädchen in den hohen Sandalen meiner Oma mit grünem Wildleder durch den Sommer. Sie wirbelt durch das sonnendurchflutete Haus, dessen Tür immer offen steht.

In diesem Moment klingelt mein Telefon und die Stimme meiner Schwester legt sich auf meine volle Lunge. „Ihre Fruchtblase ist geplatzt“ stoße ich aus und wir können die ganze Nacht nicht schlafen. Zwischen all den Freudentränen, Bücherstapeln und Augenringen stoßen wir am nächsten Morgen an und meine Oma sagt: „Das Leben ist schön, von einfach war nie die Rede.“

Und ich bin mir sicher: Auch der Kleine wird bei meiner Omi sein können, wer er will. So wie ich bei ihr sein kann, wer ich bin.

• Diese OMAge stammt von Sarah Bergmann, sie ist 33, lebt in Berlin und veranstaltet Festivals mit dem Schwerpunkt Nachhaltigkeit und Awareness. Sie hat den Verein Act Aware e.V. 2020 gegründet, der sich gegen Diskriminierung und Grenzüberschreitungen auf Veranstaltungen engagiert. Außerdem gibt sie Workshops zu diesen Themen und besonders am Herzen liegen ihr Female Empowerment und New Work. „Ich glaube, das gegenseitiges Verständnis und Perspektivenvielfalt der Schlüssel zu einem schönen Miteinander sind“, sagt Sarah. In ihrer Freizeit schreibt sie Gedichte unter dem Pseudonym Sæm Mænder.