Barbara & Oma Cala: „Sie ist 94, ich 31 und wir führen eine WG”

Hey Nana. Hier hat alles Platz, was den Dialog zwischen den Generationen anregt. Den Dialog anregen muss man bei uns eigentlich nicht. Meine Oma Cala ist 94, ich bin 31 – wir haben eine WG. Als mein Partner und ich unser Haus gebaut haben, haben wir uns dafür entschieden die Oma, die eigentlich nicht meine leibliche Oma, sondern das Kindermädchen meines Vaters war, bei uns zu integrieren. Mein Vater wohnt nebenan, er ist alleinstehend und kommt deshalb immer gern zum Abendessen rüber, weil er es genießt bedient zu werden. Dann kommt Oma stets aus ihrem Zimmer und wir essen zusammen und tauschen uns über den Tag aus. Manchmal anstrengend, wenn man nach 12 Stunden Büro nach Hause kommt, aber auch schön, weil es einen erdet und immer wieder verdeutlicht, dass die Familie am wichtigsten ist.

Aber von vorne: Als ich meine Oma frage, ob wir etwas zu Hey Nana beitragen wollen, sagt sie erst sie wisse nicht, was sie sagen soll, sie hätte nicht viel zu erzählen und das sei doch nicht interessant. Aber wir setzen uns trotzdem eines Abends mal hin und fangen an zu reden und mir wird währenddessen klar, dass ich vieles aus ihrem besonderen Leben noch nicht wusste, obwohl wir jeden Tag miteinander sprechen.

Überhaupt war es damals nicht selbstverständlich, dass Frauen Auto fahren konnten. Im Nachhinein bin ich wirklich froh, dass ich es gewagt habe.“

Auf was bist du stolz in deinem Leben? – das nehmen wir mal als Einstiegsfrage.
„Ich habe erst mit 50 den Führerschein gemacht“ strahlt sie. „Das ist doch etwas Besonderes, oder? Und eigentlich hat mich eine Klientin deiner Großmama dazu überredet. Die hat ihn auch gemacht und mich dann jedes Mal, wenn sie bei uns angerufen hat, gefragt ob ich mich jetzt endlich angemeldet habe. Irgendwann konnte ich es nicht mehr hören und habe mich angemeldet, nur damit ich mir die Fragerei nicht mehr anhören muss. [lacht]. Du weißt ja, ich fahre immer noch mit meinen 94 Jahren und jedes Mal wenn ich einsteige, streichle ich erst Mal mein Wägele weil es mir so gute Dienste leistet.“ (Ich nicke lächelnd, das kann ich bezeugen)

Wenn du nochmal in meinem Alter wärst, was würdest du dann tun, den Führerschein früher machen? Wärst Du überhaupt nochmal gern so alt wie ich?
„Ja, wahrscheinlich würde ich den Führerschein früher machen. Aber ich möchte nicht nochmal jung sein. Die ganze Technik und das Internet, das ist mir doch zu kompliziert. Aber ich bin eigentlich zufrieden mit meinem Leben. Du weißt ja, ich bin mit 14 von zu Hause weg auf einen Bauernhof, um mich da um den Haushalt und die Kinder zu kümmern, danach war ich in München in einem sehr feinen Haus bei einem Architekten und einer Opernsängerin als Hausmädchen und habe für sehr hochrangige Leute gekocht. Und dann bin ich zu euch gekommen. Ich habe insgesamt 11 Kinder großgezogen, und zu allen habe ich noch sehr guten Kontakt – sie haben mich alle nicht vergessen. Das ist doch schön oder, darauf kann man auch stolz sein?! Vielleicht würde ich auch mehr mit Sprachen machen. Bevor ich nach München bin, hätte ich die Chance gehabt, in einen Haushalt nach England zu gehen. Dann hätte ich sicher besser Englisch gelernt. Das ist schön an der heutigen Generation, dass Sprachen kein Hindernis mehr sind. Meine eine Nichte hat einen Russen geheiratet und mein Neffe eine Indonesierin. Das ist doch schön, dass die sich verständigen können – wenn die kein Englisch gekonnt hätten, dann wäre diese Liebe nicht möglich gewesen.“

Die Jungen können von den Alten lernen, dass man auch aus ganz wenig viel machen kann und alles für etwas verwenden kann. Aber andererseits ist es jetzt schön, dass alles so einfach ist.“

Was denkst du über den Ausspruch „Früher war alles besser“? „Also das kann ich überhaupt nicht verstehen, wie die Leute sowas sagen können. Früher war das Leben schwerer. Es gab nicht viel zu essen und man konnte nicht alles kaufen im Supermarkt, man musste eben nehmen was man selber hatte. Ich weiß noch, wie wir lange nach dem Krieg unsere ersten Orangen gegessen haben. Das war etwas ganz Besonderes. Heute kann man Orangen einfach im Supermarkt kaufen, das ist doch toll. Oder ich kann mich an ein einziges Mal erinnern, als meine Großmutter uns einmal ein kleines Stück Schokolade gegeben hat. Das war wunderbar. Die Schokolade war schon so alt, dass sie eigentlich gar keinen Geschmack mehr hatte – aber wir haben dieses Stück Schokolade so sehr geschätzt. Das ist das Einzige, was man vielleicht sagen könnte: man hat sich früher an ganz kleinen Dingen erfreuen können – weil man sich insgesamt mehr anstrengen musste. Man kann heute einfach in ein Tanzlokal fahren. Früher gab es Lastwagen, da hat man einfach ein paar Bänke hinten reingestellt und dann sind alle zusammen zum Tanzen gefahren. Das war auch eine schöne Zeit. Ich hatte zwei Brüder, und die haben immer darauf geachtet, dass ich nie allein rumsitzen musste, sondern haben mich dann immer gleich zum Tanzen geholt. Einmal habe ich da sogar mit einem Minister aus der Türkei getanzt, stell dir mal vor – ich ein einfaches Mädchen – bei diesen Abenden war das aber egal, da waren alle gleich. Und ich habe auch einen jungen Mann aus dem Rheinland kennengelernt. Der hat mir dann noch lange geschrieben.“

Wirklich, das hast du mir noch nie erzählt, und warum hat das dann aufgehört? „Naja, ich habe irgendwann gedacht, das bringt doch nichts. Ich bin hier im Süden und der dort oben – das hätte doch zu nichts geführt. Dann habe ich das beendet. Aber ich habe die ganzen Briefe erst kürzlich wiedergefunden. Die habe ich dann wohl von München mitgebracht und die ganzen Jahre und mehrere Umzüge mitgeschleppt.“

Bereust du das heute, dass du das beendet hast? „Nein, das kann ich nicht sagen. In meiner Familie gibt es nie Streit, alle helfen einander und stehen für einander ein (sie meint ihre zahlreichen Nichten und Neffen, eigene Kinder hat sie nie gehabt)… Und mit deinem Papa und euch haben wir doch auch so ein gutes Verhältnis, ich finde das einfach so schön, auch dass er jeden Abend zum Essen kommt, das ist einfach so toll, dass wir alle als Familie beisamen sein können.“ Ich lächle wieder und nicke.

„Ich genieße das Zusammenleben sehr. Auch wenn es manchmal Herausforderungen gibt wie den Staubsaugerroboter oder den neuen Herd, aber man muss ja mit der Zeit gehen – sonst wird man alt.”

Also findest du unseren Mehrgenerationenhaushalt ganz gut, oder überfordert es dich manchmal auch? „Ihr bringt alle so viel Leben ins Haus, das ist einfach wunderbar. Besonders das kleine Hundle, das ist so ein liebes Tierchen, das muss man einfach mögen.“ Jetzt grinse ich richtig.

Meine Oma kümmert sich rührend um den Staubsaugerroboter. Wenn er sich tagsüber, wenn ich auf Arbeit bin, mal irgendwo festgefahren hat, dann befreit sie ihn und redet ihm dann gut zu, bis er ins nächste Zimmer fährt. Sie erzählt dann abends immer, dass sie richtig Mitleid hat, wenn sie sieht, wie er sich abmüht, wenn er über die Teppichkante klettert. Und „das Hundle“ ist ihr ein und alles – der Hund wird immer als erstes begrüßt und verabschiedet und ist immer die erste Frage beim Abendessen, ob er tagsüber wieder etwas angestellt hat, oder ob er brav war.

Ich bin richtig stolz auf meine Oma. Wenn ich ganz ehrlich bin, hatten mein Ehemann und ich schon Angst,  ob das gut geht – einen alten Baum nochmal verpflanzen – jeder gibt einen Teil seiner Privatsphäre auf und im Leben miteinander muss jeder Kompromisse machen. Aber sie ist so positiv, beschwert sich nie und sieht immer nur das Positive an allem. Jede Herausforderung nimmt sie an und findet etwas Gutes daran.

Ich hoffe nur, dass ich im Alter auch noch so fit und posiitiv bin und bin sehr froh, dass wir die Oma bei uns im Haus aufgenommen haben. Vielleicht wird dieses Modell der Mehrgenerationen-WG ja auch mal wieder modern, ich denke das würde unserer Gesellschaft insgesamt gut tun – so wie unserer kleinen Familie.

  • Diese OMAge stammt von Barbara Reck. Sie ist Ingeneurin und ganz frisch Mama geworden. Ihre süße Familie lebt mit Hund Lya am Bodensee.