Nicole & Oma Inge: „Was heißt schon Glück, mein Mädchen?“

Meine Omi ist keine glückliche Frau. Meine Omi ist eine zufriedene Frau. Auf die Frage, was sie glücklich macht, antwortet sie mit der Gegenfrage: „Was heißt schon Glück, mein Mädchen?“.

Sie ist zufrieden mit ihrem Leben und damit, dass es ihren Lieben gut geht und alle gesund sind. Das Streben nach Selbstverwirklichung, Luxus, Einfluss und Geld ist ihr fremd. Mich selbst erdet das immer wieder, wenn ich als beschleunigte Großstädterin bei ihr in der Heimat bin. Frische Luft, Hausmannskost und Spaziergänge sind für sie wichtiger als Social Media, Netflix und Handyspiele. Diese Dinge sind ihr äußerst zu wider und sie rügt täglich meinen Opi, der sich stets darin versucht, sich mit seinem Smartphone auseinanderzusetzen, um letztendlich daran zu scheitern und meine Zeit beansprucht, um alle Grundeinstellungen wieder herzustellen. So bleibt weniger Omizeit.

Heute versuche ich oft bei meiner Omi zu sein, auch wenn mir mein Leben aufgrund von Terminüberflutungen dieses Vorhaben nicht immer einfach macht.

Durch einen Sturz, der im Alter ohne Grund passieren kann, musste meine Omi operiert werden. Auf der Fahrt zu ihr ist mir unter Tränen bewusst geworden, wie wenig Zeit mir mit meiner 81-jährigen Omi noch bleibt und wie wichtig es mir ist, diese mit ihr nochmals richtig zu nutzen.

Meine Omi beschreibt sich selbst als solide Frau, die über 40 Jahre in Vollzeit gearbeitet, vier Kinder und ein erhebliches Stück auch mich groß gezogen hat. Sie hat mir Werte vermittelt wie Ehrlichkeit, Fleiß, Pünktlichkeit und Loyalität. Sie hat mir Lebensweisheiten mit auf den Weg gegeben wie „geht nicht, gibt es nicht“, „selbst ist die Frau“, „Sauberes sollte man sauber halten“ und „was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen“. Von meiner Omi habe ich kochen, backen und nähen gelernt – Dinge, die Menschen heute gern von anderen ausführen lassen. Ich bin stolz, mir beides zugestehen zu können.

Ohne meine Omi wäre ich nicht die, die ich heute bin. Und dennoch sind wir grundlegend verschieden.

Gern haben wir Dickköpfe auch einmal Meinungsverschiedenheiten, die uns gegenseitig so richtig auf die Palme bringen. Der damit verbundene Frust hält aber nie lange an, denn ich weiß, meine Omi meint es immer nur gut mit mir, wenn sie sagt, ich trage zu viel schwarz, die Haare sind zu blond oder das Make-up zu stark. Meine Omi versteht nicht, wie ich mein fleißig erarbeitetes Geld für Fashion- und Lifestyleprodukte ausgeben kann. Das käme ihr als Frau der Kriegsgeneration niemals in den Sinn. Und dennoch ist sie Feuer und Flamme, wenn ich ihr zeige, wie frau einen Lippenstift aufträgt oder was Mascara so alles anstellen kann.

Heute versuche ich auch oft bei meiner Omi zu sein, weil seit dem Sturz Einiges nicht mehr geht. Den Haushalt zu schmeißen, gelingt nicht mehr so einfach wie früher. Meine Omi ärgert das sehr. Nie würde ihr in den Sinn kommen, dass andere das für sie übernehmen. Und dennoch mussten wir zwei ernste Gespräche im Hinblick auf diesen Lebensabschnitt führen. Ich möchte, dass es meiner Omi gut geht, es ihr an nichts fehlt und sie die nächsten Jahre genießen kann. Doch Genuss ist meiner Omi etwas Fremdes. Schaffen und eine Aufgabe haben, sind ihr eher vertraut. Ohne mich hätte meine Omi niemals eine Pflegestufe beantragt, die heute dazu dient, dass wöchentlich jemand im Haushalt unterstützt und nicht mehr ich das übernehme, so dass wir mehr Zeit miteinander haben.

Meine Omi wurmt auch, dass sie Dinge und Namen vergisst oder manchmal nicht mehr weiß, was in der Woche los war. Ich versuche sie dann stets mit den Worten zu beruhigen, dass wir alle da einmal hinkommen und wir zwei doch eher dankbar sein sollten, dass so lange, so vieles physisch und psychisch bei ihr funktioniert hat. Das bisschen Vergessen ist da gar nicht schlimm.

Meine Omi ist eine Kämpferin mit einem scharfen Geist. Eine Bombenfrau. Ein Vorbild für mich.

Ich bin unendlich dankbar, meine Omi zu haben. Ich hoffe sehr, dass wir noch ganz wunderbare Jahre miteinander verbringen – auch wenn diese mit der Zeit anders aussehen werden als wie wir sie bisher kannten. Meine Omi war immer für mich da und nun werde ich stets für sie da sein – unabhängig davon, was kommt und egal, was passiert. Omi, ich bin dir sehr dankbar und ich liebe dich!

  • Diese OMAge stammt von Nicole Engel. Sie weiß von Berufs wegen, dass Kommunikation und Begegnung essentiell fürs gesunde Miteinander sind: Als Diplom-Psychologin und Life- und Business-Coach hilft sie Menschen in ihre Power zu kommen.