Lena & Oma Resi & Oma Christel: „Die Liebe zu den Großeltern hat mich zum eigenen Unternehmen geführt”

Ich habe das große Glück, mit 30 Jahren noch zwei wunderbare Omas an meiner Seite zu haben. Bis vor einem Jahr hatte ich sogar noch einen Opa dazu. Als bei ihm Demenz diagnostiziert wurde, kamen plötzlich viele neue Herausforderungen auf uns zu: Die gewohnte Art zu kommunizieren hat plötzlich zu Diskussionen geführt und durch die demenzielle Veränderung fiel es ihm immer schwerer, sich zu Hause zu orientieren. Dadurch habe ich mich intensiv mit dem Thema Demenz und Pflege auseinandergesetzt, habe das Internet durchforstet und viele Bücher gelesen. Ich habe festgestellt, dass das Wohlbefinden der Familie entscheidend für das Wohlbefinden von Menschen mit Demenz ist – darum setze ich mich heute mit meinem eigenen Unternehmen JUPP für ein gutes Leben von Familien mit Demenz ein und entwickle Produkte für ein würdevolles Leben trotz Krankheit.

Aber um besser zu verstehen, warum mich die Liebe zu meinen Großeltern letzendlich zur Gründung führte, möchte ich etwas mehr von unserer Beziehung erzählen. Von Oma Resi und Oma Christel, von denen ich noch heute so viel lerne:

In meiner Kindheit habe ich sehr viel Zeit bei ihnen verbracht, denn die Eltern sind beide berufstätig. Damals waren mein Bruder und ich jeden Tag nach dem Kindergarten oder der Schule abwechselnd bei unseren Omas, denn auf dem Land gab es noch keine Nachmittagsbetreuung. Um ehrlich zu sein, als Kind wusste ich es nicht zu wirklich zu schätzen, dass wir so viel Zeit mit unseren Großeltern verbrachten und meine Mutter ihren Beruf weiter ausüben konnte. Ich habe die anderen Kinder beneidet, deren Mütter zu Hause waren und auf sie gewartet haben, wenn sie nach Hause kamen. Erst in den letzten Jahren habe ich verstanden, wie schwer es ist als Mutter Arbeit und Familie unter einen Hut zu bekommen. Besonders wenn die Kinder krank sind oder die Betreuung aus pandemischen Gründen ganz wegfällt, ist Familie in der direkten Umgebung unbezahlbar.

Meine beiden Omas haben in ihrem Leben viel und hart gearbeitet, um sich etwas aufzubauen. Das ist sicherlich ein Grund, warum es ihnen immer sehr wichtig ist, dass die Frauen in der Familie auch ihren eigenen Weg gehen und ihre Ziele verwirklichen.

Eine Geschichte aus der Kindheit meiner Oma Christel zeigt gut, wo sie gestartet ist und was alles in einem Leben möglich ist: Durch den Krieg war ihre Familie sehr arm und das Wenige, was es gab, musste sie mit ihren drei Geschwistern teilen. Eines Tages entdeckte sie einen Apfel auf der Straße – eine Besonderheit in diesen kargen Tagen. Als sie voller Vorfreude hineinbiss, verzog Christel das Gesicht und warf das wertvolle Lebensmittel im hohen Bogen weg. Was war passiert? Der Apfel war in Wirklichkeit eine Tomate und diese Fruchtgemüse kannte sie bis dahin noch nicht. Wir können uns sowas heute kaum vorstellen.

Christel und Resi sind mir Inspiration

Wenn es mir selbst an Vorstellungskraft mangelt, dann führe ich mir vor Augen, was meine Omas mit ihren Familien in ihrem Leben aufgebaut haben. Es zeigt mir, dass wir viel mehr erreichen können, als wir uns in diesem Moment vorstellen können. Es braucht nur Mut und den ersten Schritt in die gewünschte Richtung, auch wenn der Krieg einem Vieles genommen hat.

Meine Oma Christel ist übrigens die beste Verhandlungsführerin, die ich kenne. Sie schafft es sogar im Supermarkt durch ihre Bestimmtheit, Erfolge zu erzielen. Als Kind war es mir mehr als unangenehm. Wortlos zahlen ohne Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen und rasch wieder gehen – das wäre mir damals lieber gewesen. Christel spricht die Menschen freundlich an und tauscht sich offen mit ihnen aus. Sie ist mutig und hat keine Angst davor, zu sagen, was sie denkt. Die Menschen schätzen sie dafür sehr und geben ihre gerne etwas zurück. Oft bekommt sie mehr als sie möchte und dabei bleibt sie immer ihren Prinzipien treu und kann problemlos „Nein“ sagen und im Guten davon gehen. Dafür bewundere ich sie. Mit der Zeit konnte ich dank Oma auch meine Verhandlungsfähigkeiten verbessern.

Resi ist die ältere der beiden Omas. Mit ihren 92 Jahren ist sie noch immer vielseitig interessiert und lernt gerne dazu. Als ich zum Studium ins Ausland gezogen bin, hat sie sich ein Notebook zu Weihnachten gewünscht. Natürlich hat sie es bekommen und fleißig geübt. Sie hat gelernt wie Videoanrufe funktionieren, schreibt E-Mails und bestellt ihre Batterien fürs Hörgerät im Internet. Vor ein paar Jahren hat sie sich dann auch ein Smartphone gewünscht, damit wir ihr auch regelmäßig Bilder zusenden können und sie mit uns Textnachrichten schreiben kann. Diese lebenslange Lernbereitschaft bewundere ich sehr

Wenn es mal wieder eine neue APP gibt, die die „jungen Leute“ nutzen, ertappe ich mich beim Gedanken, dafür zu alt zu sein. Doch dann denke ich an meine Oma Resi.

 

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Meine Omas achten immer wieder darauf, schöne Momente bewusst einzuplanen und die Zeit gemeinsam zu genießen. Egal wie spontan ein Besuch bei ihnen ist, sie haben immer etwas Leckeres im Haus und sorgen dafür, dass wir uns wohlfühlen. Wenn wir unterwegs sind, halten sie nach den schönsten Orten Ausschau, um dort gemeinsam Kaffee zu trinken oder einfach nur die Aussicht zu genießen. Auch hier haben sie keine Scheu davor, Menschen aktiv anzusprechen und nach Tipps zu fragen. Ich schaue da lieber in mein Handy und wäge akribisch Google-Bewertungen und Fotos ab. Die besten Spots sind bei meiner Strategie allerdings nicht garantiert – hier ist das geschulte Auge der Beiden und ihr Mut definitiv von Vorteil.

Auch ich achte immer mehr darauf, bewusst schöne Momente für meine Familie schaffen: Fahre sie in den Urlaub, wenn die Busfahrt zu beschwerlich ist oder plane ein langes Wochenende für die ganze Familie am Meer. Wasser hat auf beide Omas eine große Anziehungskraft und diese Leidenschaft habe ich wohl von den Beiden geerbt. Bei unseren Aktivitäten muss es sich gar nicht immer um eine große Fahrt handeln, die Beiden sind auch schon glücklich, wenn sie mit mir im Garten sitzen und ich keine Termine habe, sondern einfach da bin (ohne aufs Handy zu schauen).

Unsere gemeinsame Zeit ist wertvoll und wir sollten sie nutzen, solange wir können

Apropos wertvolle Zeit: Gemeinsam mit Corinna, meiner Mitgründerin von JUPP, unserem Team und vielen großartigen Tester*innen haben wir ein Achtsamkeitstagebuch entwickelt, was für die demenziell veränderte Wahrnehmung optimiert ist. Mit jeder ausgefüllten Seite von “HEUTE ist ein schöner Tag” werden Erinnerungen gesammelt und die Beziehung gestärkt. Es entsteht ein persönlicher Schatz und das strahlend gelbe Buch ist für Angehörige eine Inspiration für ein Gespräch oder eine schöne Aktivität.

 

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Denn: Menschen mit Demenz haben mehr zu erzählen, als das Wetter oder das Mittagessen zu bewerten. Sie haben spannende Geschichten aus ihrer Jugend, die noch lange präsent sind. Für meinen Opa Michel war Skifahren und Langlauf mit vielen Erinnerungen verbunden. Die erste Reise nach Italien mit Oma auf ihrer Zündapp Bella hat er nie vergessen. Es ist ein magischer Moment, wenn ein Thema einen Menschen aufblühen lässt.

Oma Christel, Oma Resi: Danke, dass es euch gibt und dass ihr so gut auf euch achtgebt!

Diese OMAge stammt von Lena Schmidt aus Köln. Sie ist Co-Gründerin & Geschäftsführerin von JUPP und sorgt für Alltagslösungen und Design für Menschen mit Demenz. Hier könnt ihr JUPP bei Instagram abbonieren und hier den Newsletter bestellen.