Joyce & Oma Karin: „Am liebsten würde ich sie zu Hause betreuen, sie hat mich als Kind auch über Jahre bei sich gehabt“

Normalerweise sehen wir uns mindestens alle zwei Wochen. Doch wegen der Corona-Pandemie habe ich das Seniorenheim zum Schutz meiner Oma und den anderen Damen und Herren seit Ende Oktober nicht mehr betreten. Sie nicht zu sehen, schmerzt mich sehr. Natürlich habe ich Angst, sie kein weiteres Mal in die Arme schließen zu können…

Meine Oma ist 78 Jahre jung und hat meine Mama mit 20 Jahren bekommen. Karin ist auf dem Bauernhof in Altenberga Thüringen aufgewachsen und sie lebt für gutes Essen. Also bringe ich normalerweise bei meinen Besuchen tolle Bio-Lebensmittel mit und wir reden. Da das ja jetzt wie gesagt ausfällt, bleibt mir nur, sie auch heute an ihrem Geburtstag anzurufen. Von diesem, unserem letzten, Telefonat will ich hier erzählen:

An ihr Handy geht sie schon seit einem Jahr nicht mehr, also klinge ich im Altersheim durch. Ich habe ihr auch einen kleinen Geburtstagsbrief geschrieben, der ist aber noch nicht angekommen. Als ich ihre Stimme am anderen Ende der Leitung höre, schießen mir gleich die Tränen in die Augen –  genauso wie jetzt, während ich diese Zeilen über sie, über uns, schreibe.

Natürlich will ich positiv bleiben und versuche mir meine Emotionen am Telefon nicht anmerken zu lassen. Ich meine zu ihr, dass ich mich sehr auf unser nächstes Treffen freue und selbstverständlich ganz viel Bio-Obst und -Gemüse, sowie ihren Lieblings Bio-Pflaumen-Streusel-Kuchen mitbringen werde…

Das mit dem Essen ist echt so ein großes Thema: Meine Oma, eine ehemalige Chemikerin und Restaurantbesitzerin ist not amused bezüglich der gezuckerten Fertigprodukte und dem heutigen Brot, welches für sie kein Brot ist. Jedesmal wenn ich Karins Lebensrealität im Seniorenheim rund um das Essen und die Enge mit anderen Senior*innen, das unterbesetzte Personal und die wenigen Grünflächen zum Spazierengehen sah, weinte ich. Am liebsten würde ich sie verwöhnen und zu Hause betreuen, sowie sie mich als Kind über Jahre bei sich zu Hause großgezogen hat. Meine jetzige Wohn- und Arbeitssituation lässt das jedoch nicht zu.

Aber zurück zum Geburtstagstelefonat: Meine Oma ist am Telefon positiv und dankbar über meinen Anruf. Am Ende meint sie zu mir. „Bei allem was dir nicht gut tut: Einfach mal den Finger heimlich zeigen!“ Und das ist es auch, was sie mir schon immer mit auf den Weg gab und was ich auch heute wieder von ihr lerne: sich nicht unterkriegen zu lassen!

Dankbar bin ich, dass ich sogar noch zwei Omas habe und zudem noch das Glück hatte, meine Uromas gekannt zu haben. Ich habe so viel von den Frauen in meiner Familie gelernt.

  • Diese OMAge stammt von der Berlinerin Joyce Binneboese , sie ist Mitgründerin des Schmucklabels WALD Berlin. Joyce beschreibt sich als „Well-being Enthusiast“ und arbeitet außerdem als Moderatorin und Model.