Ira & Oma Gertrud: „Trotz der Herausforderungen für Senioren im Alltag strahlt sie Zufriedenheit aus”

„Ein Wort wie ‚Ozon‘ gab es damals nicht“, erzählt mir Oma Gertrud bei einem Besuch zum Kaffee – ein Samstagnachmittag, Punkt 15 Uhr, in einem wirklich kleinen Dorf im Siegerland. Es gibt lauwarmen Pudding-Streuselkuchen und heißen, aufgebrühten Filterkaffee. Wir haben uns natürlich nicht getroffen, um über die globale Erderwärmung zu sprechen, sondern, um uns mal wieder zu sehen und ein bisschen zu quatschen. Aber immerhin ist dies ein Thema auf unserer Agenda. Genauso wie der Hausärztemangel in dörflichen Randgebieten, der legendäre VW-Dieselskandal, unverantwortlicher Umgang mit Plastikverpackungen in Supermärkten sowie Unterschiede in der Bio-zertifizierten Viehzucht auf dem Land und in der Stadt.

Wahnsinn, oder?

Immerhin sind es nicht Dr. Bettina Hoffmann von den Grünen und Markus Söder von der CDU, die über Umweltschutz debattieren, sondern es sind Oma Gertrud und ich.
Vor mir sitzt eine weise, lebenserfahrene und gutaussehende Frau, die Ihren Mann – den Vater ihrer vier (!) Kinder – mit dem Krebs teilen musste. Die den besten Kuchen und Filterkaffee der Welt zubereitet. Die sich gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Gedanken darüber machen muss, wie sie zum nächsten Hausarzttermin kommen, weil der Weg zu weit ist. Die ihre Ausbildung in einem Tante Emma Laden – und nicht wie ich auf einer schnöseligen Privatuni – gemacht hat und die mir erklärt, dass es ein Wort wie „Ozon“ vor 50 Jahren einfach noch nicht gab.

Vor mir sitzt eine Frau, die unfassbar viel Wissen besitzt und Ahnung hat, weil sie Generationen durcherlebt hat.

Eine Frau, die immer schick gekleidet und zurecht gemacht ist, auch wenn es keinen Anlass dazu gibt. Die sich immer Mühe gibt, die immer belesen und informiert ist und die trotz der Herausforderungen für Senioren im Alltag immer Zufriedenheit ausstrahlt.
Was ich nach der Zeit, die ich mit meiner Oma verbringe, wieder mitnehme, sind die guten, alten „kleinen Dinge im Leben“. Die kleinen Dinge, an die wir im Alltag festhalten können, um zum Beispiel die „Ära Donald Trump“ zu überleben, um skandalöse Promi-Schlagzeilen zu begreifen oder um all die durchs Agenda Setting der Medien vermeintlich wichtigen Themen für einen kurzen Moment in unseren Köpfen auszublenden.

Sich mit einem nahestehenden Menschen beim Kaffeeklatsch über eine geballte Ladung Wissen und Erfahrung auszutauschen, ist bereichernd. Noch interessanter wird es aber dann, wenn ich von Car Sharing, Urban Gardening und Freunden aus der Großstadt erzähle, die am Stadtrand ein Stück Acker für den privaten Gemüseanbau gepachtet haben. Damit kann ich sie beeindrucken, denn dadurch merkt sie, dass unsere Generation nicht auf den Kopf gefallen ist.

Generationen kommen und gehen. Regierungen kommen und gehen. Wirtschaftliche Skandale kommen und gehen. Doch der Austausch zwischen den Generationen sollte immer aufrechterhalten werden und wie ein verborgener Schatz gesehen werden, der immer mal wieder ausgebuddelt werden sollte – ein Erfahrungsschatz. Und das ist ein Appell an alle Enkel dieser Welt!

  • Diese OMAge stammt von Ira Hendricks. Die 24-jährige PR-Beraterin wohnt in Köln besucht ihre Oma Gertrud so oft wie möglich im Siegerland. Sie liebt es den Geschichten der Frau, die nach der Schule eine Ausbildung zur Verkäuferin in einem Tante Emma Laden machte, zu lauschen.