Giulia & Oma Ruthilde: „Vergessen hat sie die Zeit in Kriegsgefangenschaft nie“

In letzter Zeit denke ich oft und gerne an meine lebhafte Kindheit und die Zeit, die ich mit Oma verbrachte, zurück. In den Sommerferien kamen alle Enkelkinder Jahr für Jahr zusammen und bauten bei Oma Buden, spielten Kaufmannsladen, durchstöberten ihren Kleiderschrank – hier bewunderte ich immer die wunderschönen Kostüme und Kleider, die meine Großmutter alle selbst genäht hatte. Das „Rattern“ der Nähmaschine verbinde ich deshalb noch heute mit Geborgenheit. Vor allem aber verbrachten wir viel Zeit draußen in der Natur – von unserer Omi, die sich bereits im frühesten Alter vegetarisch ernährte, lernten wir viel über Tiere, Pflanzen und Kräuter. Abends saßen wir dann immer gemeinsam am Esstisch und dankten in unserem Tischgebet, für den Tag und die Speisen. Was ich aber trotz der von ihr vermittelten Wärme und Leichtigkeit nie vergessen werde: Das Wort Hunger war für uns Kinder Tabu. Rutschte es mal heraus, hieß es von Omi: „Ihr wisst nicht was Hunger bedeutet“, Worte, die ich erst mit zunehmendem Alter verstehen konnte…

Und jetzt zum schwierigen Teil: Ich habe lange überlegt, wie ich die Geschichte meiner Großmutter über ihre Zeit in russischer Kriegsgefangenschaft in diesen Beitrag für HeyNana einbinden kann, ohne dass es zu düster wird. Denn ich möchte eben nicht nur über mein besonderes und enges Verhältnis zu meiner Omi schreiben, sondern auch ein, wie ich finde, sehr wichtiges Thema aufgreifen.

Es ist mir ein großes Anliegen, dass die Geschichte nicht in Vergessenheit gerät. Vielmehr hoffe ich, dass sie einen Beitrag dazu leisten kann, dass sich diese schlimme Zeit nie wieder wiederholen wird.

Umso wichtiger ist es, dass wir den Betroffenen ein Gesicht geben, ihre Erlebnisse wahren und mahnend nach außen tragen. Wie auch unser Bundespräsident zu Beginn des Jahres sagte: „Denn wer sich nicht mehr daran erinnert, was geschehen ist, der hat auch vergessen, was geschehen kann.“

Kriegsgefangenschaft
Zeugnisse vergangener Tage: Ruthilde bewahrt noch einzelne Zeitzeugenstücke aus der Kriegsgefangenschaft auf. Auch das Poesie-Album von 1946 enthält Erinnerungen an ihre Zeit in Schadrinsk.

Aber nun wieder zu meiner Großmutter Ruthilde, oder Omi, wie ich mein Vorbild liebevoll nenne: Geboren und aufgewachsen im ehem. Westpreußen, verbrachte sie auf dem Hof ihrer Eltern gemeinsam mit ihren drei Brüdern und Tieren eine glückliche Kindheit. Mit Beginn des zweiten Weltkrieges und dem Einmarsch Hitlers änderte sich alles. Aus Respekt zu ihr möchte ich an dieser Stelle nicht zu sehr ins Detail gehen. Nur so viel: Mit 17 Jahren musste sie wiederholt schwere sexuelle Gewalt erfahren und ihre Familie verlor Haus, Hof und Tiere. Noch vor ihrem 18. Geburtstag wurde sie dann von russischen Soldaten nach Sibirien in das Frauenarbeitslager Schadrinsk verschleppt. Fernab von ihrer Familie und geliebten Heimat, ohne zu wissen, ob sie jemals wieder zueinander finden, verbrachte sie hier dreieinhalb Jahre. Als Brigadier war sie dem Natschalnik, das ist die russische Bezeichnung für den Leiter der Kriegsgefangenen, untergeordnet und war verantwortlich dafür, dass die ihr zugeteilten Frauen ihre Arbeit ordnungsgemäß verrichteten. Hielten sie sich nicht an die vorgegebenen Aufgaben, wurde meine Großmutter bestraft. Die dort erfahrenen Demütigungen, sowie menschenunwürdige Unterbringung und Behandlung machten ihr sehr zu schaffen. Nach einiger Zeit wurde sie schwer krank und schwach. Allein durch ein Kännchen Milch, das ihr die Ehefrau des Natschalniks heimlich reichte, kam sie wieder etwas zu Kräften…

Rückblickend sagt sie heute: „Ich habe den Tätern vor Ort vergeben, aber vergessen werde ich diese Zeit in Kriegsgefangenschaft nie!“ Auch die Narben an Omas Körper erinnern sie ein Leben lang daran. „Wunden verheilen, aber die Narben bleiben und zeichnen Menschen für immer!“

Omas Bescheidenheit, ihr Mut, ihre bodenständige, aufopfernde, sowie hilfsbereite Art und ihre bedingungslose Liebe ihrer Familie gegenüber beeindrucken mich zutiefst – vor allem nach den schlimmen Erlebnissen, die sie in jungen Jahren erfahren musste, ist dies nicht selbstverständlich. Ich bin sehr glücklich darüber, dass meine Omi mit 94 auch geistig noch so fit ist und so ehrlich, dass sie sogar die dunklen Kapitel ihrer Geschichte mit mir teilt. Wir können aus der Vergangenheit nur lernen.

Die Pandemie hat uns einmal mehr denn je vor Augen geführt, wie dankbar wir sein können, in einem freien und demokratischen Land leben zu dürfen. Vor allem aber hat sie uns gezeigt, wie wichtig ein soziales Miteinander ist und in welchen Bereichen ein Ungleichgewicht herrscht. Oma und ich haben seit Pandemiebeginn jeden Tag videotelefoniert. Zu unserem neuen digitalen Ritual gehörten gemeinsame Spaziergänge, Teatime und ausgiebigen Gespräche. Wir erinnern uns: Wegen Covid19 konnten die Bewohner:innen von Pflege- und Alteneinrichtung ihre Wohnungen einige Wochen weder verlassen, noch externen Besuch empfangen. Eine Zeit, die vor allem die ältere, zum Teil an Demenz erkrankte Generation unserer Gesellschaft schwer getroffen hat. Eine Generation, die größtenteils den zweiten Weltkrieg hautnah miterlebt hat oder wie meine Großmutter darüber hinaus Gefangenschaft hat erfahren müssen. Dies ist wohl mit ein Grund dafür, weshalb sie aktuell wieder vermehrt von der damaligen Zeit und ihren Erlebnissen berichtet. Bestärkt durch den Satz: „Es soll nichts vergebens sein“, aus ihrem in Gefangenschaft verfasstem Poesie-Album, habe ich damit begonnen mich intensiver mit der Geschichte meiner Omi auseinanderzusetzen und zu recherchieren.

Oma-Enkelinnen-Liebe in Zeiten von Corona: Das Fahrstuhl-Selfie entstand beim Geburtstagsausflug zum 94. – neben den Besuchen viedeotelefonieren Ruthilde und Giulia seit Pandemiebeginn einmal täglich.

Anfang des Jahres begab ich mich so auf eine „Reise“, auf der ich auch viel über mich selbst, meine Einstellung zum Leben und meine eigene Persönlichkeit erfahren durfte. Schon häufiger fragte ich mich, wer ich wohl bin und wie ich geworden wäre, wenn ich meine Großmutter nicht so nah um mich gehabt hätte. Die enge Bindung zu meiner Großmutter hat mich, ob bewusst oder unbewusst, stärker geprägt, als ich mir bisher bewusst war. Bis zu ihrem Einzug in das Altenheim habe ich sie daheim gepflegt, konnte vor allem das „ungern älter werden“ verstehen.

Nun, durch die tieferen Einblicke in die Zeit ihrer Gefangenschaft und die Jahre danach, verstehe ich ihr Verhalten zu gewissen Situationen besser. Ich fühle mich ihr tatsächlich noch ein Stückchen näher, als wir ohnehin schon waren.

Ich hoffe sehr, dass wir noch viele gemeinsame Stunden in Freude miteinander verbringen dürfen. Ich versuche sie in jedem Fall so häufig wie möglich zu besuchen. Dann genießen wir die gemeinsamen Ausflüge mit dem Rollstuhl, lachen, singen oder spielen Memory. Bei letzterem verliere ich tatsächlich meist haushoch. Manchmal liebe ich es aber auch, wenn wir einfach nur so dasitzen und ich sie beim Nachdenken beobachten darf.

Diese OMAge stammt von Giulia Consiglio. Als Tochter deutsch-italienischer Eltern ist sie in Osnabrück aufgewachsen, lebt heute in Berlin und arbeitet als selbstständige Stylistin für namhafte Künstler:innen und betreut in ihrer Funktion als Managerin, diverse Social Media Kampagnen. Privat engagiert sich Giulia im Bereich der Nachhaltigkeit und unterstützt soziale Projekte. Aktuell produziert sie ihr erstes, vegan-vegetarisches Koch- und Backbuch. Darüber hinaus recherchiert sie intensiv in den Unterlagen ihrer Großmutter. Deren Geschichte als Buch niedergeschrieben und im Dokumentationszentrum Flucht Vertreibung Versöhnung archiviert werden soll.