Ludivine & Oma Fanny: „Grand-mère und mich trennen 1400 km, aber sie ist nur ein Videoanruf von mir entfernt“

Grand-mère und mich trennen 1400 km. Doch sehen kann ich sie, wann immer ich will. Ein Klick genügt und sie strahlt über meinen ganzen Bildschirm. Skype benutzt sie schon lange bevor ich überhaupt davon wusste und eine ihrer WhatsApp-Nachrichten bringt mein gesamtes Umfeld aus der Fassung, die nicht glauben können, dass meine französische Oma ein wahres technisches Genie ist. Fotos, Videos und Erinnerungen sind, seit es möglich ist, bei ihr digitalisiert und wenn das Telefon läutet, ist es meistens eine ihrer Freundinnen, die dringend einen technischen Rat benötigt. Sie ist der Beweis dafür, dass die richtige Nutzung von sozialen Medien ein Geschenk an uns alle ist. Es wäre natürlich gelogen, würde ich behaupten, ich würde nicht lieber einmal übers Feld spazieren, um dann gemeinsam eine ihrer berühmten tarte aux abricots essen und mit ihr über den Sinn des Lebens philosophieren. Aber wenn mir danach ist, ist sie trotz örtlicher Entfernung nur ein Videoanruf von mir entfernt – und das macht es zumindest ein Stück weit gut.

Grand-mère und mich trennen 1400 km. Doch unendlich viel verbindet uns. Sie ist für mich nicht nur der Ursprung meiner französischen Wurzeln, sondern auch im wahrsten Sinne des Wortes der Anker unserer 19-köpfigen Familie. Als Superheldin mit vier Töchtern ist sie wahrscheinlich ein Vorbild für viele, wie man bei einem Familientreffen alle satt und bei Laune hält. Ihr größtes Glück liegt darin, wenn die gesamte Familie in ihrem süßen Garten in Saint Malo (Bretagne) bei einem Apéritif auf das Leben anstößt. Und wenn sie gerade mal nicht zuhause ist, schlägt sie ein paar Bälle auf dem Golfplatz, schwimmt eine Runde im Meer oder sitzt schon im nächsten Zug oder Flieger. Egal ob nach Amerika, Japan, die Karibik oder Deutschland. Um Ihre Familie zu sehen ist ihr kein Weg zu weit.

Grand-mère und mich trennen 1400 km. Doch was sie mich gelehrt hat, ist – schon lange bevor ich es selbst verstanden habe (wenn man es überhaupt verstehen kann) – dass das Leben aus Höhen und Tiefen besteht. Nur der Wechsel ist beständig und manchmal hat man eben das Gefühl, dass alles genau so läuft, wie es gerade nicht laufen soll. „Un mal qui sert a bien.“ (wörtliche Übersetzung: „Etwas Schlechtes, was dem Guten dient.“) Das ist wahrscheinlich der Satz, den ich am häufigsten von grand-mère gehört habe. Was uns diese Worte letzten Endes sagen? Alles ist ok und gleichzeitig auch wichtig, damit Platz für was Neues ist – was Besseres, was Schöneres. Und wahrscheinlich ist es auch der Satz, den ich selbst noch an meine eigenen Kinder und Enkel weitergeben möchte.

Grand-mère und mich trennen 1400 km. Doch nah bei mir hätte ich sie gern jeden Tag.

  • Diese OMAGE stammt von Ludivine Aubry. Als zugezogene Berlinerin und Mitarbeiterin einer therapeutischen Beratungsstelle für Musiker*innen studiert sie gerade Psychologie im Master. Bis Sie sich Ihren Traum einer eigenen Praxis erfüllt, singt und tanzt sie durchs Leben, produziert einen Podcast und folgt ihrem Impuls, sich im Schreiben und Texten kreativ auszuleben.