Gianna & Oma Nova: „Unser Familiensinn zieht sich wie ein roter Faden durch die Generationen“

Wenn man meine Oma fragt, wie es ihr geht, antwortet sie stets: „Gut. Unkraut vergeht nicht!“ Als Kind konnte ich mit dieser Antwort nie wirklich viel anfangen. Von einer Metapher hatte ich noch nie was gehört und Unkraut war für mich, auch wenn ich von Botanik bis dato nie viel verstand, klar definiert: Hierbei handelt es sich um eine störende, unerwünschte Pflanze. Attribute, die für mich so gar nichts mit meiner Oma zu tun hatten. Die Gegenwart meiner Oma war stets erwünscht, um nicht zu sagen förmlich herbeigesehnt. Am aller liebsten verbrachte ich Zeit bei ihr und meinem Opa in Hannover – meinem ganz persönlichen Schlaraffenland. Hier war das Federbett fluffiger als bei Frau Holle, die Zimmertemperatur perfekter als in jeder Bio-Sauna und das „Tages-Menü“ stellte für mich jede Sterneküche in den Schatten: Milchreis, Pfannkuchen und die weltbesten Marillenknödel.

Das Schöne: Es schien immer so, dass all das meiner Oma genauso viel Freude bereitete wie mir, denn für meine Oma war, ist und bleibt Familie immer das Allerwichtigste – wenn es uns gut geht, geht es ihr gut. Und natürlich umgekehrt, denn der Familiensinn zieht sich wie ein roter Faden durch die Generationen – von meiner Oma, über meine Mama, bis hin zu meiner Schwester und mir.

Meiner Oma ist es wahrhaft wichtig, dass wir all die Möglichkeiten und Chancen wahrnehmen, die ihr und dem Gros ihrer Generation verwehrt blieben.

Über jeglichen Abschluss meiner Schwester und mir – von der Grundschule, übers Abi, bis hin zur Uni – freut sich unserer Oma mindestens genauso sehr wie wir. Auf jeder Reise begleiten uns ihre guten Wünsche garniert mit einer Dose ihrer leckersten Plätzchen – damit ihre Weltenbummler-Enkelinnen die Heimat nicht vergessen! Sie hat ihren Frieden mit ihrer persönlichen Geschichte gefunden und freut sich umso mehr, dass sie durch uns und unsere jeweilige Geschichte vieles doch noch erlebt, lernt und entdeckt. Kurzum – sie unterstützt uns stets mit all ihrer Kraft. Und das heißt was, denn meine Oma ist unglaublich stark. Sie ist nicht nur mit einem besonders starken Willen ausgestattet, den sie mir definitiv vererbt hat, sondern ist eine Anpackerin der Superlative. Nie war sie sich für irgendetwas zu schade. Wichtig war jedoch stets, dass sie immer, egal welcher Arbeit sie auch nachging und um es in ihren Worten zu sagen: „ordentlich aussieht“! Bluse und Frisur sitzen stets. Keine Falte, kein Fleck, kein aus der Reihe tanzendes Haar. Kopf schüttelnd verzweifelt sie daher stets über den Status quo meiner Socken. Und während ich diese Worte schreibe, höre ich ihre Stimme im Ohr: „Oben hui und unten pfui. Kind so geht das nicht!“ Und bevor ich mich versehe, ist das Loch gestopft und ich wieder salonfähig.

Meine Oma ist, unschwer zu erkennen, nie um einen Spruch verlegen – weder heute noch damals.

Meine Oma ist 1930 geboren. Ihr Elternhaus war frei von jeglichen Nazi Repliken. In den eigenen vier Wänden wurde kein Blatt vor den Mund genommen und ihre Eltern artikulierten klar, was sie von Hitler hielten: nichts! Als meine Oma einmal als Kind mit ihrer Mutter in der Bahn fuhr und zwei SS-Offiziere samt Reichsfahne hinzustiegen, musterte sie diese, als sähe sie die Flagge zum ersten Mal. Verwundert wurde sie daraufhin von den Nazis gefragt, ob sie denn zu Hause nicht „Heil Hitler!“ sagen würden. Während ihre Mutter, wartend auf die Antwort, tausend Tode starb, antwortete meine Oma unverblümt: „Nein, wir sagen Heil Mama!“

Wenn ich meine Oma heute frage wie es ihr geht, bekomme ich nach wie vor die gleiche Antwort: „Gut. Unkraut vergeht nicht!“ Heute kann ich jedoch weitaus mehr mit ihrem Replik anfangen. Und das nicht nur, weil es mir mittlerweile gelungen ist, die metaphorische Bedeutung zu dekodieren. Nein, heute weiß ich bedeutend mehr über meine Oma und auch wenn sie für mich immer die Hüterin des Schlaraffenlands bleibt, ist sie so viel mehr als das. Sie ist stark wie Edelweiß, tapfer wie eine Iris, stolz wie eine Hortensie, mutig wie eine Pfingstrose, fürsorglich wie ein Stiefmütterchen, treu wie Gänseblümchen und sie ist von nichts und niemandem kleinzukriegen. Genauso wenig wie Unkraut. Kurzum – meine Oma ist für mich das perfekte Bouquet!

  • Diese OMAge stammt von Gianna Main. Das Hamburger Deern lebt mittlerweile, genau wie ihre Oma Kläre (genannt Oma Nova) in Berlin. Gianna ist Gründungsmitglied der zivilen Seenotrettungsorganisation SOS MEDITERRANEE. Sie leitete bei Lemonaid und anschließend bei Musik Bewegt, den Bereich Events & Kooperationen und arbeitet mittlerweile selbstständig als Marketingberaterin für NGOs und Social Businesses.