Edith & Oma Klara: „Jetzt hat sie mit 95 auch noch Corona durch”

Das sind doch die beiden von da oben?! Ja, diese Oma muss ich an dieser Stelle also gar nicht mehr vorstellen. Ohne Klara würde es HeyNana.de schließlich nicht geben. Aber ich dachte mir, ein Update wäre angebracht. Eine etwas andere OMAge. Immerhin war es für uns alle auch ein etwas anderes Jahr in puncto Oma-Beziehungspflege. It was a tough one.

Bald ein Jahr hören wir schon, dass für Menschen ab 70 Jahren ein ungleich höheres Risiko besteht, an Covid-19 zu sterben. Dass die am meisten betroffene Altersgruppe die der 80- bis 89-Jährigen ist – das sind unsere Omis und Opis.  Und wir wissen alle: Die Situation in den Altenheimen und Pflegeeinrichtungen ist prekär. Rund 700.000 Menschen werden in deutschen Altersheimen betreut, aber ich möchte hier nicht mit Todeszahlen um mich werfen. Aber Fakt ist, die Pandemie hat die Situation der Alten in unserem Land drastisch verschlechtert: Die Einsamen sind jetzt noch einsamer und die Ängstlichen noch ängstlicher. Wer Verantwortung für die Senior*innen trägt, schottet sich von ihnen ab. Wichtig, aber kacke.

Oma Klara und ich haben uns im letzen Jahr genau einmal gesehen. Das war  an Weihnachten, nachdem wir beide einen Corona-Test gemacht haben. Und ich habe es in der Überschrift ja schon gespoilert: Klara hatte Corona. Gleich in der ersten Welle 2020, mit 95 Jahren, ach du Scheiße. Und obwohl ich meine Oma jetzt mein Leben lang als unfassbar widerstansfähig kenne, muss ich zugeben, dass ich mich auf das Schlimmste eingestellt habe. Zu viele Großeltern überleben Covid-19 eben nicht. Knapp drei Wochen war sie auf Corona-Station am Bodensee, künstlich beatmet wurde sie allerdings nicht. Sie hatte großes Glück, wir hatten großes Glück.

In wenigen Wochen wird Klara 96. Ganz so fit wie vor der Corona-Erkrankung ist sie zwar nicht mehr, aber baut man nicht auch zwangsläufig ab, wenn man auf die Hundert zuspaziert?

Auf jeden Fall fehlt es ihr so sehr, dass alle drei Töchter jeden Montag Abend zum Kartenspielen kommen. Dazu Flips und manchmal Sekt. Beim Canasta war sie jede Woche gefordert, zu rechnen und taktisch zu denken. Das ist jetzt zu gefährlich, genau wie ihr Senioren-Treff, der einst auch eine wöchentliche feste Konstante war. Ich bin mir ganz sicher, dass die festen Abläufe, ihre Rentner-Events und das Zusammenkommen mit den Töchtern, Schwiegersöhnen, Enkeln und Urenkeln das war, was den Powermotor so am Laufen hielt. Der Motor ist jetzt deutlich langsamer.

Vor Corona fuhr sie noch ab und an mit ihrem schnittigen Audi kurze, ihr bekannte Strecken (zur Familie meist). Jetzt ist daran nicht mehr zu denken. Ich bin natürlich froh, dass es ein Risiko im Straßenverehr weniger gibt und dennoch verstehe ich ihren Abschiedsschmerz gut. Der Führerschein bedeutete für sie immer Freiheit. Gern erzählt sie mir, wie besonders das damals für eine junge Frau auf dem Land war, den Führerschein zu machen. Dadurch war sie immer eine unabhängige, reiselustige Frau. Jetzt ist sie abhänhig vom Motor anderer, und demnach reisemüde. Eine kleine Anekdote zum Versinnbildlichen (und Schmunzeln): Während des Lockdowns hat sie sich wohl heimlich in die Garage geschlichen und einfach mal kurz den Motor angelassen – fürs Gefühl.

Am Telefon sagt sie mir immer, dass sie nicht jammern möchte, aber „schlimm ist die Situation schon. Ich lese immer in der Zeitung, wer wieder gestorben ist.“ Und nach rund zehn Minuten am Telefon, merke ich, dass das Reden langsam zu anstrengend für sie wird und wir sagen „bis ganz bald“.

Der Kreislauf des Lebens hat jetzt eine neue Dynamik, ein anderes Tempo. Viele fürchten jetzt mehr um die Großeltern. Viele vermissen sie schmerzlich. Genau wie Oma möchte ich aber auch nicht jammern: Ich bin dankbar. Für jeden Tag, an dem ich als erwachsene Frau noch eine Oma an meiner Seite wissen darf. Ich bin mir meines Privilegs bewusst und sehe, dass andere Omas – Pandemie hin oder her – andere Schicksale erleben und andere Geschichten zu erzählen haben. Mit unserer Geschichte, mit dieser Seite, möchte ich einfach darauf aufmerksam machen, dass uns die Omis ganz unterschiedliche Wege geebnet haben und wir daran denken sollten, dass wir alle auch mal alt werden. Ich wünsche mir einfach, dass wir die Alten dieser Gesellschaft nicht vergessen.

Also, wenn du auch noch eine Oma hast: Heute schon bei der alten Dame angerufen? Und wenn deine Oma nicht mehr unter uns ist, schick ihr bisschen Liebe nach oben, geht auch. Unter der Rubrik „Die Hilfe“ habe ich außerdem Organisationen aufgelistet, die –  gerade jetzt noch mehr als eh schon – auf Spenden angewiesen sind, um Senior*innen ein würdevolles Leben auf Augenhöhe ermöglichen zu können.

Die Würde des Menschen ist unantastbar – auch die von Menschen jenseits der 70.