Anja & Oma Maria: „Auch mit 107 Jahren lässt man noch Pizza kommen“

„Wer weiß, wie lange Oma noch lebt“ ist bei uns in der Familie schon seit geraumer Zeit der Standardsatz. 1992 hatte meine alleinlebende Großmutter Maria ein typisches Oma-Alter von 83 Jahren und das Argument, sie könne ja bald sterben, zog noch. Aber nach und nach nahm diese Prophezeiung niemand mehr ernst. Maria fuhr zu dieser Zeit nämlich immer noch jeden Winter nach Spanien und kam wie das blühende Leben zurück. Als sie im Alter von 100 Jahren mit ihrem jüngsten Sohn (meinem Papa) zusammengezogen ist, hatte sie auch wieder die Art von Gesellschaft, die sie sich schon lange wünschte. Aufgrund ihrer Fitness konnten wir sie trotz ihres sehr hohen Alters problemlos in unseren Alltag einbinden. Dass sie aber auch mit 107 Jahren selbst noch eine Hilfe für die Familie sein konnte, möchte ich mit folgender Geschichte über Oma Maria erzählen.

Mein Papa fragte mich mal wieder, ob ich Oma-Sitting bei mir Zuhause machen könnte. Da ich nach der Arbeit gleich zum Yoga wollte, bat ich meinen Freund Nick (damals 33), ob er sich nicht einen lustigen Abend  Maria machen möchte. Klar, er freute sich sogar. Und der Auftrag war ja eh recht simpel, denn nach der Tagesschau kam bei Oma nur noch die Natur-Doku auf Arte…

Als ich also um zehn Uhr abends nach Hause kam, sah ich meinen schlafenden Freund auf der linken Seite des Sofas liegen und auf der rechten meine im Sitzen eingeschlafene Oma. Na, das war ja dann wohl eher ein leichtes Spiel für Nick und ein entspannter Abend für Oma, denke ich. Auf dem Couchtisch lag eine offene Schachtel mit Pizzaresten und eine leere Chips-Tüte. Bier war auch keines mehr im Kühlschrank.

Also, wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich behaupten, die Beiden haben hier eine richtig lustige Party veranstaltet.

Oma bemerkte mich zuerst und richtete sich blitzschnell auf.
Oma Maria: „Anja-Spätzchen, du bist schon wieder da? Das ging aber schnell.“
Nick: „Oh, ich hab dich gar nicht gehört…“
Anja: „Hattet ihr denn einen schönen Abend?“
Oma Maria: „Oh ja sehr!“ Und grinste über beide Ohren.

Später fragte ich Nick: „Und wie war es? Irgendwelche Besonderheiten?“
Nick: „Nein. Ich habe Oma gefragt, was sie essen möchte und hab Pizza geholt. Dann haben wir gequatscht und ferngesehen. Also alles gut. Kann ich gerne mal wieder machen.“

Papa rief mich am nächsten Morgen an, um mir zu berichten, was Oma Maria ihm auf dem Heimweg erzählte.
Oma Maria: „Also, ich kann das gerne mal wieder machen.“
Papa: „Was meinst du?“
Oma Maria: „Na, auf den Nick aufpassen! Der Arme. Ich kann das wirklich verstehen, dass man nicht gerne alleine ist. Anja hat so viel zu tun, da sollte der Nick abends nicht alleine sein und auf sie warten.“
Papa, erstaunt: „Aha.“
Oma Maria: „Ja, ich habe auch gesagt: Wir lassen Pizza kommen, denn der Junge braucht ja was Richtiges zu essen.“
Papa: „Mensch, Mutter, das ist ja wunderbar. Ich werde Anja gleich sagen, dass sie da nächstes Mal auch auf deine Hilfe zählen kann.“
Oma Maria: „Ja, mach das. Es war auch gar nicht so schwer, denn er ist gleich eingeschlafen.“

Ich liebe diese Geschichte sehr, denn sie hat mir gezeigt, wie unterschiedlich die Ansichten über ein und dieselbe Sache sein können. Oma hat uns damit auch mitgeteilt, wie sie die Situation gesehen hat, und dass sie gerne Aufgaben übernimmt und nützlich ist.

Wir haben ihr natürlich nicht widersprochen oder uns darüber lustig gemacht, sodass am Ende aus dem Oma–Sitting ein Nick-Sitting wurde.

 

Auch nach dem Tod von Maria leben ihre Weisheiten weiter im Buch „Oma, die Nachtcreme ist für 30-Jährige”

Bis ins hohe Alter von 108 ½ Jahren hat mich Oma Maria gerne überrascht und mir durch unerwartete Situationen immer wieder die Augen geöffnet, ehe sie ihre Augen für immer schloss. Ihre Sprüche und Weisheiten (z.B. „Immer vorwärts gehen, niemals stehen bleiben“) leben in mir weiter. Ich bin sehr dankbar, dass ich ein Teil davon sein konnte und ihr Leben im hohen Alter mitgestalten durfte. Oma Maria öffnete durch ihre gesunde Art zu Leben und die positive Einstellung die Herzen der Menschen. Sie gab ihnen den Glauben, dass man sich um das Alter keine Gedanken machen muss. Wenn man neugierig bleibt und sich selbst immer wieder neue Aufgaben im Leben sucht, bleibt es lebenswert.

Unser letztes gemeinsames Projekt war das Buch „Oma, die Nachtcreme ist für 30-Jährige! – Die unglaublichen Geschichten einer 107–Jährigen“. Es steckt voller Lebensfreude und Humor, und wurde bereits mit großer Resonanz angenommen.  Und ich verrate es gleich, ich habe noch eine Oma, die ist inzwischen auch schon 103 Jahre alt. Oma Mia lebt mit meiner Mutter zusammen und kommt natürlich auch in dem Buch vor. Ich bin jetzt also mit über 40 immer noch ein glückliches Enkelkind (das kleine Anja-Spätzchen) und die vielen Oma Erlebnisse von früher und heute halten mich jung. Und wer weiß, wie lange Oma Mia noch lebt 😉

Anja und ihre beiden Omas
Anja mit Oma Maria (l.,†) und Oma Mia (r.,103)

 

  • Diese OMAge stammt von Anja Fritzsche, sie ist Art Direktorin, Künstlerin, Autorin und Hundmama in Bayern. Ihr Buch „Oma, die Nachtcreme ist für 30-Jährige!: Die unglaublichen Geschichten einer 107-Jährigen”, erschien 2018 und schaffte es auf die Spiegel-Bestseller-Liste. Die dazugehörige Facebook-Seite „Was macht eine 107 jährige heute“ lebt mit einer tollen Community weiter – auch nach dem Tod von Maria. Aber dafür mit Updates zu Oma Mia.